Der Begriff beschreibt das Bestreben, einen Gleichgewichtszustand zwischen der Arbeitswelt und dem Privatleben herzustellen. Es geht um die Maximierung von Lebensqualität. Die Bezeichnung Work - Life - Balance ist genau genommen irreführend. Es wird gedanklich unterstellt, dass das Berufsleben etwas anderes sei und abseits vom normalen Leben geschieht. Ursache für diese Einschätzung können Überforderung oder Unterforderung, also eine subjektive Unzufriedenheit, im Erwerbs-Arbeitsleben sein. Auch Tätigkeiten außerhalb des Erwerbslebens können durchaus Arbeit bedeuten (z.B. Kindererziehung, Haus- und Gartenarbeit). Ebenso sehen viele Menschen die eigene Arbeit nicht nur als ökonomische Notwendigkeit oder Belastung, sondern auch als Quelle für Selbstbestätigung und Selbstverwirklichung. Es lassen sich im Berufs- und im Privatleben sowohl negative als auch positive Erfahrungen machen.

Das Privatleben einer Führungskraft spielt, wenn überhaupt, nur bei einem Vorstellungsgespräch eine Rolle. Dort noch kann ein zweifelhaftes Privatleben - der fehlende Ehering oder öfter der falsche Partner - durchaus ein Argument sein, einem Bewerber die Tür zu weisen oder eine Beförderung auszuschlagen. In der Gedankenwelt vieler Unternehmer existiert die Meinung, dass nur ein psychisch ausgelasteter und im Privatleben glücklicher Mensch am Arbeitsplatz wirklich leistungsfähig ist.

Doch ist eine Führungskraft erst mal eingestellt, dann ist Schluss mit mit dieser Einsicht. Nach dem Motto »einmal glücklich, immer glücklich« wird einer Führungskraft, je höher sie eine Karriereleiter erklimmt, um so mehr die Zeit genommen, ein gIückliches Privatleben auch glücklich zu führen.

In vielen langjährigen Managerehen ist das Privatleben fast völlig versiegt. Aus der einst leidenschaftlichen Partnerschaft ist eine nüchterne Arbeitsgemeinschaft zur Wahrung des sozialen Status geworden. Bei einer Befragung von rund 4.000 Führungskräften hat ein Paderborner Institut herausgefunden, dass 84 Prozent der Manager ihre Ehe durch die eigene Karriere gefährdet sehen.

Was tun Mann und Frau nicht alles für ihr Unternehmen und die Steigerung des Bruttosozialproduktes. Doch der übertriebene Eifer bewirkt oft das, was er verhindern soll: Die Leistung sackt ab, nicht nur im Ehebett, sondern auch im Büro. Aufgrund der schwindenden Leistungskraft müssen die Manager nun noch länger arbeiten um das erforderliche Leistungsniveau zu halten. Die Konkurrenz lauert schon.

Machtkampf und Positionsabsicherung am Arbeitsplatz nagen auf diese Weise jahrelang an der Freizeit und blenden aus, was das Leben außer Arbeit sonst noch zu bieten hat. Neurosen und psychosomatische Störungen sind die Folge. Laut Fehlzeitenreport 2010 des wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO) ist jeder zehnte Fehlzeitentag durch psychische Erkrankungen bedingt.

Viele setzen den Berufsstress im Privatleben fort und unterziehen sich einem Freizeitstress mit Tennis, Golf, Parties, Theater- und Museumsbesuchen; Aktivitäten, die in dieser Form nur Pseudo-Erholungswert haben und tatsächlich nur der Verdrängung persönlicher Defizite dienen. Ich muss Freunde haben. Die Pflege dieser Beziehungen kann dann auch zum zusätzlichen Privatstress werden.

Ein Opfer der Büroneurotiker ist ihre Gesundheit. Bezeichnend dafür ist, dass sie ihre emotionale Unzufriedenheit weder durch Kündigung noch durch Rebellion am Arbeitsplatz beseitigen, sondern gegen sich selbst richten, nach innen. Körper und Seele werden malträtiert und dramatische Persönlichkeitsveränderungen in Kauf genommen, nur um anderen und sich selbst nicht eingestehen zu müssen, dass die Angst umgeht und die Einsamkeit zu schaffen macht. Die ständige Überforderung führt zu emotionaler Erschöpfung und Resignation. Es wird gearbeitet, bis der Körper die Notbremse zieht. Nicht immer gibt es den Totalausfall. Bei manchen erlischt das Feuer der beruflichen Leidenschaft, was für den Manager tatsächlich nur wenig mehr als Leiden geschaffen hat. Neudeutsch heißt das dann Burn-out, ausgebrannt. In einer Studie des Karlsruher Institutes für Arbeits- und Sozialhygiene bei über 6.000 Führungskräften klagen rund 85 Prozent der Untersuchten über vegetative Beschwerden oder Befindlichkeitsstörungen. Zwar führen solche Störungen nicht zwangsläufig in den Burn-out, doch zeigt es die Richtung.

Immer öfter versuchen überforderte Führungskräfte, den Folgen des permanenten Leistungsdrucks durch den Griff zur Flasche zu entfliehen oder- noch häufiger - zur Pillenschachtel. Sind schon 5 bis 7 Prozent aller Manager Alkoholiker, wie die deutsche Hauptstelle für Suchtgefahren feststellen musste, so schlucken weit mehr Führungskräfte diverse Psychopharmaka. Der Vorteil von Antidepressiva ist ja gerade, dass ihr Konsum zunächst nicht auffällt - sie erzeugen weder Fahne noch Sprachstörungen. Vor allem Nachwuchskräfte sind anfällig für vermeintliche Karrierehelfer.

Was können wir tun? Zeit für sich selbst nehmen

 

Wie viele »Management by ...«-Methoden wurden schon präsentiert, von denen man später nichts mehr gehört hat. Man sucht allein im Bereich des rational Nachvollziehbaren nach Patentrezepten. Diese Patentrezepte versprechen oft einen leichten Erfolg, der sich aber dann doch nicht einstellt, denn eine wichtige Voraussetzung wird dabei oft vernachlässigt: die soziale Qualifizierung des Führenden. Es ist sicher unbequem, ernsthaft über sich selbst als Mensch nachzudenken. Daher folgt man Jedem dankbar, der ein Rezept anbietet, das die eigene Person ungeschoren lässt. Die Arbeit an der eigenen Persönlichkeit lässt sich auf Dauer aber nicht umgehen. Das merken Führungskräfte spätestens dann, wenn ein Patentrezept wieder mal nicht funktioniert und sie sich auf die Suche nach einem neuen Helfer machen.

Sie sollten sich etwas vor Augen halten: Sie werden nicht ewig jung sein. Sie werden nicht ewig stark sein. Sie werden nicht ewig gesund sein, und Sie werden nicht ewig leben. Nach schwerer Krankheit sind viele Menschen einsichtig. Sie hatten Zeit, über sich nachzudenken, ihre Lebensziele zu reflektieren. Vielleicht waren sie auch dazu gezwungen, weil sie das vermeintliche Ende vor Augen sahen. Es wurden plötzlich Werte relativiert. Warten Sie doch nicht erst eine schwere Krankheit ab. Denken Sie freiwillig über sich nach. Es lohnt sich. Sonst zwingt Sie das Leben dazu. Nehmen Sie sich im Jahr mindestens eine Woche Zeit dazu. Das sollten Sie sich wert sein.