Definition der Moral:

 

… ist ein aus kultureller und religiöser Erfahrung gebildetes Regel-, Normen- und Wertesystem, das in einer Gesellschaft als Verhaltensmaßstab betrachtet wird. Moral bezeichnet zumeist die faktischen Handlungsmuster, -konventionen, -regeln oder -prinzipien bestimmter Individuen, Gruppen oder Kulturen. Eine so verstandene Unterscheidung von Moral und Unmoral ist nicht beschreibend, sondern bewertend (normativ). Im Gegensatz zur Moral, die konkrete Verhaltensregeln bietet, ist Ethik das Nachdenken und die Begründung der Moral als wissenschaftliche Beschäftigung.

Schauen wir uns die Seite der Führung an. Die Aufgabe eines Managers ist es, Ergebnisse zu erzielen. Ist dafür jedes Mittel recht? Stört die absolute Dominanz der Shareholder und die Börsen- und Geldorientierung die gute Balance zwischen moralischen Forderungen und dem Betriebsergebnis? Man kann Unternehmen nicht autistisch, abgekoppelt von der Gesellschaft führen. Wo sind die Grenzen? Sind in der heutigen Zeit auch moralisch bedenkliche Entscheidungen erforderlich? Ist Moral ein Feigenblatt für die Öffentlichkeit? Kann Moral einen langfristigen Wettbewerbsvorteil bieten?

Um hier Antworten zu finden, schauen wir uns einmal die Entwicklungsgeschichte der Moral an.

Ist Moral eine feste menschliche Eigenschaft? Wie entsteht Moral?

 

Neugeborene wollen ihre eigenen Bedürfnisse befriedigen. Dabei sind sie unschuldig wie auch hemmungslos. Was macht uns dann zu moralischen Wesen, die zwischen Gut und Böse unterscheiden können? Was lässt uns an das Wohl anderer denken und Schuldgefühle besitzen? Früher dachte man, dass es erlernte Modelle sind, die uns über Strafe und Gehorsam beigebracht wurden. Inzwischen behaupten viele Psychologen, dass schon Babys einen Sinn für Moral haben. Die Menschen der Frühzeit bemerkten, dass sie aufeinander angewiesen sind. Sie haben sich gegenseitig unterstützt und sind füreinander eingetreten. Aber wie weit reicht diese Einsicht, wie stark ist der moralische Sinn? Gilt er nur für Verwandte, Freunde und die eigene Gruppe - oder auch für Fremde? Wie universal können moralische Werte sein? Erkennbar ist: je fremder mir ein Mensch oder eine Gruppe erscheint, umso leichter fällt es anscheinend, Moral zu vernachlässigen.

Kleinkinder sind von der Zuwendung der Eltern abhängig. Babys machen über Mimik und Gestik schon früh soziale Erfahrungen. Wie kann ich Andere dazu bringen, so zu handeln wie ich es möchte? Dieses Bemühen erfordert Eingehen auf andere. Ich muss mich mit ihnen beschäftigen, möglichst die Gefühle erfassen. So weinen Kleinkinder, wenn andere weinen. Sie trösten und sie helfen.

Die moralische Kompetenz von Kindern ist beeindruckend, aber auch widersprüchlich. Sie besitzen von früh an einen moralischen Sinn und ein moralisches Wissen über Gut und Böse. Aber bei vielen von ihnen ist es noch nicht zum inneren persönlichen Bedürfnis geworden, die Welt moralisch vordringlich zu bewerten und entsprechend zu handeln. Sie sind zwischen moralischen Regeln und persönlichen Interessen hin und her gerissen. Nicht selten halten sie sich dann doch wieder nur an moralische Regeln, weil sie Angst davor haben, erwischt zu werden.

Mit der Pubertät beginnt eine Abgrenzung zu den Werten der Erziehenden. Eigene Werturteile verändern alte Massstäbe. Eine eigene Persönlichkeit entsteht. Die Angst erwischt zu werden verblasst. Es wird zwischen eigenen Interessen und gemeinschaftlichen Interessen abgewogen. Prägend ist die Erfahrung gegenseitiger Hilfe. Heute sind Menschen im Berufsleben stark aufeinander angewiesen. Wichtig ist es zu erkennen wer verlässlich ist und wer nicht. Welche Wünsche des Anderen kann ich erfüllen, damit er später meine erfüllt. Der empathische Mensch hat somit einen Wettbewerbsvorteil. So entsteht ein moralisches Gerüst gegenseitiger Akzeptanz und dem zwischenmenschlichen Umgang.

In größeren und komplexeren Gesellschaften verlangen ausformulierte Gebote und Gesetze einen allgemeinen Geltungsanspruch. Tabus, Sanktionen, Institutionen wie das Recht schränken unmoralische Handlungen zunehmend ein. Und die großen Religionen entwarfen moralische Systeme mit universellem Anspruch.

Wie ist da der Anspruch der Führungskräfte?

 

Chefs nehmen für sich in Anspruch, Vorbilder für Ihre Mitarbeiter zu sein. Wer handelt und Entscheidungen trifft, muss dafür gerade stehen. So die allgemeine Meinung. Doch halten sich Manager an die eigenen Vorgaben? Das Ergebnis einer Studie der Akademie für Führungskräfte zeigt auf: 93 Prozent der befragten Manager handeln manchmal entgegen ihrer eigenen Überzeugung. Ein Drittel sieht auch bei den eigenen Vorgesetzten Defizite und moralisch fragwürdige Verhaltensweisen. Vorbilder könnten Orientierungshilfen geben. Die scheinen aber auf Managementebene rar zu sein. Kaum einer konnte eigene Vorbilder angeben. Inzwischen wird aber moralisches Fehlverhalten immer weniger toleriert. Die dennoch eingesetzten Verhaltensmuster sind vielfältig. Entscheidungsfehler werden auf andere abgewälzt. Misserfolge werden an Personen festgemacht. Es werden keine Lösungen sondern Schuldige gesucht. Vorgesetzte stellen sich nicht der Kritik. Die Entscheidungen des Vorgesetzten werden nicht nachvollziehbar. Je mehr Dissonanz zwischen moralischem Anspruch und der Handlung bestand, überspielten die Führungskraft dies durch Härte, Unnahbarkeit oder Herunterspielen des Widerspruchs. Findet der Mitarbeiter Unterstützung, wenn er moralische Werte höher bewertet als Gewinnmaximierung, obwohl so in der Firmenphilosophie festgelegt? Wenn nicht, fühlen Mitarbeiter sich ungerecht behandelt. Letztlich verlieren sie die Verbundenheit zum Unternehmen. Der erste Schritt zur inneren Kündigung ist getan.

Der Preis für die Führungskräfte ist auch hoch. Der tägliche Spagat zwischen moralischen Ansprüchen der Gesellschaft, Mitarbeitermotivation und Gewinnmaximierung zehrt an den Kräften. Nicht selten gehört das mittlere und gehobene Management zu den "burn out“-Opfern.

Was können Sie als Führungskraft leisten um sich diesen Anforderungen zu stellen?

 

Mitarbeiter wissen oft nicht genau, was die Vorgesetzten von ihnen erwarten. Sorgen Sie als Vorgesetzter in einem Gespräch dafür, dass ihre Mitarbeiter genau wissen welche Erwartungen an sie gestellt werden. Machen Sie aber genauso deutlich was der Mitarbeiter von ihnen erwarten kann. Lassen Sie Freiraum für etwaige moralische Bedenken. Klären Sie wie viel gegenseitige Kritik Sie zulassen wollen. Welche Streitkultur wollen Sie pflegen. Sind Andersdenkende eine Bereicherung oder Querulanten? Sorgen Sie dafür, dass der Mitarbeiter sich als wichtiges Element innerhalb der Firma sieht. Je mehr der Mitarbeiter einbezogen wird, umso mehr wird er das Unternehmen in sein moralisches Konzept einbeziehen.

Unternehmen oder andere Organisationen brauchen deshalb, wenn sie richtige oder falsche Verhaltensweisen nicht nur an den Sachergebnissen messen wollen, eine eigene für ihre Organisation gültige Moral, Bezugssysteme, Werte und daraus resultierende Grund- oder Leitsätze. Es gilt, sich gegenseitig bei der gewollten Gestaltung der Rollen zu helfen. Je mehr der Mitarbeiter bei diesen Prozessen einbezogen wird, umso mehr wird es auch zu seiner Moral (siehe Betriebsklimaanalyse). Zeigen Sie den langfristigen Nutzen der Moral gegenüber kurzfristigem Egoismus auf. Klären Sie: wie sollen Ziele konfliktarm erreicht werden. Wie sollen die zwischen Führungskräften und Mitarbeitern auftretenden moralischen, fachlichen und zwischenmenschlichen Konflikte gelöst werden? Führungskräfte und MitabeiterInnen müssen gemeinsam Leitsätze, Anforderungen und gegebenenfalls Regeln erarbeiten. Hochglanz gedruckte Firmenphilosophien werden oft ohne Beteiligung der Mitarbeiter erstellt und haben mit der gelebten Wirklichkeit nichts zu tun. Sicher wird es Situationen geben, die sich den Regeln entziehen, aber so entsteht der geistige Hintergrund für die Gestaltung der Handlungen. Dabei ist die gewollte Zukunft zu berücksichtigen. Das Image von Unternehmen im Arbeits- und Absatzmarkt wird dazu führen, dass künftige Generationen über den weiteren Erfolg oder Misserfolg der Unternehmen und Marken entscheiden. Fragwürdige Entscheidungen und Strategien, die sich moralischer Bewertung entziehen, können heute Unternehmen in Bedrängnis bringen. Schnelle weltweite Informationssysteme lassen die Näherin in Bangladesch nicht mehr unbeachtet. Manager müssen sich immer mehr für Entscheidungen rechtfertigen, die über den Kreis des Unternehmens hinausgehen. Die Presse stürzt sich mit Wonne auf moralische Verfehlungen. Kunden meiden immer mehr Geschäfte mit moralisch bedenklicher Strategie. Somit ist heute moralisches Verhalten kein humaner Luxus mehr, sondern eine wichtige Überlebensstrategie.